Aktuelle Gedanken zur Fotografie
In losem Abstand will ich hier, außerhalb eines Blogs, über meine Gedanken zum Thema Fotografie in Vergangenheit und Zukunft schreiben.
- Beitrag 16.02.26
Fotografie im Zeitalter des Wegwischens
Über Begrenzung, Bedeutung und die Frage, ob wir noch sehen
Ich habe angefangen zu fotografieren, als ein 36er-Film noch eine Entscheidung war.
Nicht nur finanziell – auch gedanklich.
Jedes Bild kostete. Also überlegte man: Standort, Perspektive, Blende, Filmempfindlichkeit. Man konnte nicht „einfach mal draufhalten“. Man musste sich vorher sicher sein – oder zumindest überzeugt genug.
Und doch war auch damals nichts neutral.
Schon die Wahl des Films war Interpretation.
Schon die Brennweite veränderte Realität.
Schon in der Dunkelkammer wurde gestaltet: abwedeln, nachbelichten, Kontraste anpassen. Wir haben nie die Wahrheit fotografiert. Wir haben immer eine Sichtweise fotografiert.
„Manipulation“ ist also kein Produkt der digitalen Welt. Sie war immer vorhanden – egal womit fotografiert wurde. Und sie lässt sich auch nicht verhindern, weil man zwangsläufig nur einen Ausschnitt festhält. Man kann sich bemühen, eine Situation möglichst neutral zu zeigen, aber am Ende bleibt es immer eine persönliche Sicht.
Neu ist nur die Leichtigkeit und Perfektion, mit der Bildaussagen heute verändert werden können.
Heute trägt jeder eine Kamera in der Tasche, die technisch Dinge kann, von denen wir früher nicht einmal geträumt haben.
Belichtung? Automatisch.
Fokus? Automatisch.
Dynamikumfang? Erstaunlich.
Störende Elemente? Verschwinden per Klick.
Filter? Sekundenarbeit.
Ich nutze diese Technik natürlich selbst – und ich nutze sie gern.
Ich möchte nicht dauerhaft zurück zu teuren Filmen und chemischer Unsicherheit. Wobei es durchaus einen interessanten Trend zurück zum Analogen gibt – sei es Polaroid oder klassischer Film. Immer häufiger werde ich auf meinen Fotowalks gefragt, ob ich ein Bild von jemanden machen könne – und mir wird eine analoge Kamera oder eine Polaroid in die Hand gedrückt.
Früher war Fotografie ein Prozess mit Widerstand – und mit der ständigen Frage, ob es sich gerade jetzt lohnt, eines der limitierten Bilder zu „verbrauchen“.
Heute ist sie oft ein Zustand ohne Reibung, ohne große Überlegung.
Damals begrenzte mich der Film.
Heute begrenzt mich nur noch meine eigene Disziplin.
Und das ist schwieriger.
Denn wenn Begrenzung verschwindet, verschwindet auch die Notwendigkeit zur Entscheidung. Man kann immer noch ein weiteres Bild machen. Man kann es später korrigieren. Man kann entfernen, hinzufügen, optimieren.
Unendlichkeit verändert Verhalten.
Ich merke das an mir selbst.
Bei einem 36er-Film hätte ich nicht einfach „draufgehalten“. Heute mache ich es manchmal – mit dem Gedanken: Vielleicht wird in der Nachbearbeitung etwas daraus. Ich lösche wenig, ich versuche ernsthaft mit dem Material umzugehen. Aber die innere Strenge von früher ist schwerer aufrechtzuerhalten, wenn der äußere Zwang fehlt.
Allerdings würde ich mich nicht künstlich auf „36 Bilder am Tag“ beschränken wollen. Dafür sind manche Orte zu aufwendig zu erreichen, als dass ich bewusst Chancen verpassen möchte.
Was mich allerdings noch mehr beschäftigt als die Technik, ist die Aufmerksamkeit.
Früher war ein Bild ein Objekt.
Heute ist es ein Impuls.
Auf Plattformen wie Instagram entscheidet oft ein Bruchteil einer Sekunde darüber, ob ein Bild überhaupt wahrgenommen wird. Ein Wischen – und es ist verschwunden. Vielleicht bleibt ein Bild eine Sekunde im Blick. Vielleicht zwei. Vielleicht ein „Gefällt mir“. Und dann kommt das nächste.
Was muss ein Bild heute leisten, damit jemand länger als einen Moment verweilt?
Provokation?
Perfektion?
Nacktheit?
Farben, die schreien?
Ein Algorithmus, der es überhaupt erst zeigt?
Ich weiß es nicht. Es muss mich im Moment des Sehens abholen.
Und selbst mein eigener Blick verändert sich. Meine Vorstellung davon, was ein gutes Bild ausmacht, wandelt sich phasenweise. Wenn ich ältere Bilder von mir anschaue, wünsche ich mir manchmal einen anderen Look oder denke, ein anderer Winkel wäre besser gewesen.
Fotografie bleibt subjektiv.
Und wenn der Fotograf der Einzige ist, der sein Bild schön findet, dann hat er trotzdem recht. Er wird damit vielleicht nicht reich – aber recht hat er.
Reich wird man ohnehin kaum noch mit Fotografie. Wer ist bereit – und in der Lage –, Geld oder Zeit für Bilder zu investieren, wenn man sie so einfach selbst machen kann? Abgesehen vielleicht von Hochzeiten oder besonderen Anlässen. Für die meisten Situationen erwartet der Betrachter keine besonderen Bilder. Und wenn doch einmal etwas Besonderes entsteht, geht es in der Masse womöglich unter.
Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass selbst dann wenig Interesse besteht, wenn ich betone, dass ich nur aus Hobby fotografiere – ohne finanzielle Gegenleistung. Nicht einmal dafür ist oft Zeit oder Lust vorhanden.
Wann haben wir zuletzt vor einem Bild gestanden – nicht gescrollt, sondern wirklich gestanden – und uns Zeit genommen?
Ich nehme mich da nicht aus. Es ist einfach zu viel. Uns wird permanent visuelles Material vorgesetzt. Und es gibt wirklich beeindruckende Bilder, die in der schieren Masse untergehen. Hinzu kommt, dass sie drastisch komprimiert und meist nur auf kleinen Smartphone-Displays betrachtet werden.
Ich drucke einige meiner Bilder. Große Formate. Hochwertiges Papier mit Struktur. Ein Bild, das Raum einnimmt. Ein Print zwingt zur Entscheidung: Dieses Motiv ist es wert. Dieses Bild darf bleiben. Es bekommt Wand, Licht, physische Präsenz.
Aber wer hängt heute noch Bilder auf?
Wer nimmt sich die Zeit dafür?
Vielleicht ist nicht die Fotografie inflationär geworden.
Vielleicht ist unsere Aufmerksamkeit durch die Überlastung der Sinne verarmt.
Menschen haben heute tausende Bilder von sich. Jeder trägt ein Archiv in der Hosentasche. Dokumentation ist kein knappes Gut mehr. Deshalb ist auch der Bedarf gesunken, fotografiert zu werden. Warum ein Portrait machen lassen, wenn man täglich Selfies produzieren kann?
Und doch ist da ein Unterschied.
Ein Selfie kontrolliert das eigene Bild.
Ein Portrait überlässt sich dem Blick und der Interpretation eines anderen.
Vielleicht ist genau das seltener geworden:
Sich wirklich sehen zu lassen.
Ich fotografiere nicht, weil ich finanziell davon leben muss. Ich fotografiere aus Leidenschaft. Aus Interesse. Aus dem Wunsch, weiterzulernen und besser zu sehen. Ich würde gerne mehr Projekte umsetzen, mehr Menschen fotografieren, mich weiterentwickeln. Nicht aus Gewinnabsicht – sondern um in diesem Hobby zu wachsen.
Aber in einer Welt, in der Bilder überall sind, ist Bedarf schwer zu erkennen.
Vielleicht liegt die neue Aufgabe der Fotografie nicht mehr darin, technisch perfekt zu sein. Das können Maschinen inzwischen sehr gut. Vielleicht liegt sie darin, wieder Bedeutung zu erzeugen. Widerstand zu schaffen. Momente zu schaffen, in denen jemand nicht wischt, sondern bleibt.
Die Exklusivität der Technik ist verschwunden.
Die Verantwortung des Sehens ist geblieben.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung unserer Zeit:
Nicht bessere Kameras zu haben –
sondern wieder Gründe zu finden, warum ein Bild es wert ist, länger als eine Sekunde betrachtet zu werden.