An der Grenze zu Montenegro hatte ich zunächst etwa 30 Minuten Wartezeit. Mein Navi schickte mich anschließend über winzige Nebenstraßen an den nördlichen Rand der Bucht von Kotor. Statt die Fähre zu nutzen und die Strecke deutlich abzukürzen, wollte ich einmal komplett um die gesamte Bucht herum fahren.
In Kotor selbst war es extrem voll. Bei 33 Grad stand ich lange im Stau und beneidete die Einheimischen auf ihren Rollern, die sich problemlos zwischen den Fahrzeugen hindurchschlängeln konnten. Mit den breiten Koffern meiner V-Strom ist das deutlich schwieriger. Aber wo es möglich war, hab ich es gemacht.
Dafür wurde ich oberhalb der Bucht mit einem traumhaften Ausblick belohnt. Über kleinste Straßen ging es später wieder hinunter zur Küstenstraße und schließlich zu meiner Unterkunft in Bar. Auf einer dieser schmalen Straßen kam mir plötzlich ein ungewöhnliches Hindernis entgegen: zwei kleine Ferkel. Als sie das Motorrad bemerkten, begannen sie laut zu quieken und wussten offenbar nicht so recht, wohin sie flüchten sollten. Eine Weile liefen sie direkt vor mir her, was ziemlich komisch aussah und mir ein breites Grinsen ins Gesicht zauberte.
Interessant ist übrigens, dass Montenegro zwar nicht offiziell zur Eurozone gehört, als Zahlungsmittel aber dennoch den Euro verwendet.
Was für ein Tag!
Kurz nach der Abfahrt in Bar geriet ich in eine riesige Baustelle. Sieben Kilometer Schotterpiste bedeuteten bei 33 Grad reichlich Staub und wenig Fahrspaß. Am Ende der Baustelle erklärte man mir dann, die Straße sei gerade wegen Teerarbeiten eigentlich gesperrt worden. Gleichzeitig bekam ich aber den Rat: „Probier es einfach mal.“ Gesagt, getan. Niemand interessierte sich für mich und ich konnte problemlos passieren.
Der Grenzübertritt nach Albanien dauerte anschließend erneut rund 30 Minuten – bei inzwischen deutlich sommerlichen Temperaturen. Kurz hinter der Grenze fiel mir etwas Merkwürdiges auf: Junge Frauen in weißen Oberteilen standen am Straßenrand. Zunächst dachte ich, sie würden auf einen Bus warten. Irgendwie passte das Bild aber nicht zur Umgebung. Erst etwas später dämmerte es mir 🤪. Einige waren dabei mit Sicherheit noch minderjährig.
Die weitere Strecke führte durch völlig verstopfte Straßen, bis mich schließlich eine Premiere ereilte: mein erster Platten an einem eigenen Fahrzeug überhaupt.
Und das mitten in Albanien.
Zum Glück scheint dort gefühlt jedes dritte Haus entweder eine Tankstelle oder eine Werkstatt zu sein. Ich hatte tatsächlich nur etwa 50 Meter bis zur nächsten Reifenwerkstatt. Also rollte ich im Schritttempo – oder wie man hier sagen würde: „Abash, Abash“ – dorthin.
Die Werkstatt reparierte normalerweise nur Pkw, konnte meinen Schlauch aber immerhin flicken. Die Beschädigung befand sich auf der Innenseite im Bereich der Speichen. Der Mechaniker zeigte mir, dass der Schlauch ohnehin schon bessere Tage gesehen hatte. Immer wieder erklärte er mir, ich solle nur „Abash“ fahren und ich solle den Schlauch schnellstmöglich erneuern lassen, am besten in der nächsten Stadt. Das Wort Abash hat er so oft wiederholt, dass ich es vermutlich nie wieder vergessen werde.
Über Google Maps fand ich schließlich in Durrës eine Motorradwerkstatt. Der ursprüngliche Eintrag war zwar nicht mehr aktuell, doch dort vermittelte man mir telefonisch eine andere Werkstatt. Tatsächlich hatten sie sogar einen passenden Schlauch auf Lager. Das Auffinden der Werkstatt in einem engen Wohnviertel war allerdings eine kleine Herausforderung.
Letztlich wurde mir aber unglaublich freundlich und hilfsbereit geholfen. Die Reparatur fand direkt auf dem Gehweg statt, meine Schrauben lagen teilweise auf der Straße, und vieles wirkte auf den ersten Blick etwas improvisiert. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass der Mechaniker genau wusste, was er tat. Nach gut drei Stunden Wartezeit bei bis zu 37 Grad konnte ich meine Reise fortsetzen. Über die schnelle und unkomplizierte Hilfe war ich jedenfalls sehr froh.
Der Straßenverkehr in Albanien hält immer wieder Überraschungen bereit. Autobahnausfahrten können plötzlich im 90-Grad-Winkel direkt in einen unbefestigten Feldweg münden. Geschwindigkeitsbegrenzungen wechseln scheinbar ohne Vorwarnung, und auf einer gut ausgebauten Straße kann das Tempo von einem Moment auf den anderen auf 40 km/h reduziert werden, weil irgendwo eine kleine Nebenstraße kreuzt.
Mein aktuelles Ziel markiert zugleich den südlichsten Punkt dieser Reise. Einige Kilometer südlich von Vlora habe ich ein kleines Hotel am Berghang gefunden. Die Zufahrt ist zwar abenteuerlich, dafür entschädigt ein traumhafter Blick über das Ionische Meer. Hier möchte ich nun drei Tage entspannen und die bisherigen Erlebnisse etwas sacken lassen, bevor es auf einer längeren Etappe weiter nach Nordmazedonien geht.


